Start Meinung Ben Erben von Mutabor über Inklusion auf der IAA Mobility

Ben Erben von Mutabor über Inklusion auf der IAA Mobility

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Für Ben Erben, ECD bei Mutabor, sind die Förderung von Inklusion und die Schaffung von Barrierefreiheit bedeutende Treiber in der Messe- und Eventbranche. Der Experte für Experiential Design verantwortet mit seinem Team bei der IAA Mobility 2023 die Konzeption des Volkswagen Auftritts, die Architektur des Pavillons sowie die begleitende Kampagne – alles wurde möglichst dialogorientiert und barrierefrei ausgerichtet. Der BlachReport hat nachgefragt.

BlachReport: Hallo Herr Erben, auf der SXSW haben Sie das Thema Inklusion als Megatrend für die USA ausgemacht. Ist diese Entwicklung auch in Deutschland angekommen?

Ben Erben: Inklusion und Barrierefreiheit sehe ich als großen Innovationstreiber für Kommunikationsdesign sowohl in den USA als auch in Deutschland. Aus meiner Sicht stehen wir hier noch am Anfang der Entwicklung mit viel Luft nach oben. Trotzdem sind mir in den letzten sechs Monaten einige tolle Beispiele begegnet, die zeigen, dass die Themen auch in Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit finden.

So gab es zum Beispiel beim diesjährigen ADC eine Reihe sehr guter Arbeiten. Als Juror ist mir hier besonders die Arbeit von Etienne Wagner und Dominik Krüger für Hornbach im Gedächtnis geblieben. Sie haben im Rahmen ihrer Bachelorarbeit sowohl das komplette Corporate Design als auch die Instore-Experience von Hornbach nach den Regeln von ‚Accessibility‘ überarbeitet: Neue Farben sorgen für mehr Kontrast, eine vereinfachte Schrift für mehr Lesbarkeit und neue Leitsysteme im Handel für bessere Orientierung.

Ein weiteres gutes Beispiel ist für mich der FC St. Pauli, der wirklich viel für Inklusion und Diversität macht. Ein kleines, aber sehr sichtbares Beispiel ist, dass sie auf ihrer Webseite Spielberichte in einfacher Sprache anbieten. Aber auch in meiner persönlichen Arbeit ist das Thema präsenter denn je. Zusammen mit Volkswagen haben wir uns vorgenommen, Inklusion und Barrierefreiheit auf der IAA Mobility für alle sichtbar und erlebbar zu gestalten.

BlachReport: Was bedeutet Inklusion für die Event- und Messeplanung?

Ben Erben: Inklusion ist ein Innovationstreiber, der Umdenken und Bewusstsein fördert und erfordert. Die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt immer wieder, wie wenig wir in unserer bisherigen Arbeit Aspekte von Diversität und gleichberechtigter Teilhabe berücksichtigt haben. Während Nachhaltigkeit, zumindest in der Dimension des C02-Ausstoßes, zu einem festen Bestandteil unserer Konzeption, Planung und Ausführung geworden ist, fehlt es in Sachen Inklusion häufig noch an Erfahrungswerten. Vor allem Barrierefreiheit hat aber einen erheblichen Einfluss auf die Planung. Das fängt bei der Gestaltung der Eventwebsite an und endet bei der Schulung des Personals vor Ort. Mangelnde Erfahrungswerte lassen sich mit Expertenwissen teilweise kompensieren, deshalb gilt: Ein direkter Austausch mit Vertretern und Vertreterinnen der jeweiligen Community ist unabdingbar. Denn inklusives Design sollte mit ihnen und nicht für sie entwickelt werden.

Volkswagen im Open Space der IAA Mobility 2023 (Foto: Mutabor)

BlachReport: Wie wird sich das auf die temporäre Architektur auswirken?

Ben Erben: Für diejenigen Marken, die sich dem Thema widmen, hat es große Auswirkungen. Angefangen beim klassischen Welcome-Counter, der für Menschen im Rollstuhl alles andere als ‚Welcoming‘ ist. Hier gilt es, in der Höhe angepasste Möbel zu entwickeln, die ein Gespräch auf Augenhöhe ermöglichen. Das allein kann für die Marken zu einer kompletten Überarbeitung ihres Möbelsystems führen. In der kommunikativen Architektur nimmt die Bodengestaltung eine neue Rolle ein. Ein Blindenleitsystem, welches zu den wichtigsten Stellen auf dem Stand führt, kann zum Beispiel im Kontrast zu einer Bodenzonierung oder eine Bodengrafik stehen.

BlachReport: Wie ist ihr Eindruck von der Umsetzung des Themas auf der IAA Mobility in München?

Ben Erben: Das Thema selbst wird vom Veranstalter in den Richtlinien erwähnt, fokussiert sich hier aber vor allem auf die Gewährleistung der Zugänglichkeit und Erreichbarkeit. Und genau das sieht man auch auf den meisten Ständen. Viel mehr als eine Rampe an der Standkante wird oft nicht gemacht. Gemeinsam mit Volkswagen haben wir einen Auftritt im Open Space geschaffen, der Inklusion und Barrierefreiheit in den Mittelpunkt stellt. Ich denke, das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

BlachReport: Was haben sie konkret mit Volkswagen umgesetzt?

Ben Erben: Viele Kommunikationspunkte im Rahmen des Volkswagen Auftritts wurden barrierefrei gestaltet. Dazu gehören zum Beispiel ein Bodenleitsystem mit taktilen Führungsstreifen, Treppenlifte sowie unterfahrbare Counter. Auf Wunsch stehen im Bühnenbereich Hörhilfen zur Verfügung, um die akustische Verständlichkeit zu verbessern. Neben den ausgestellten Fahrzeugen sind taktile QR-Codes an den Stellen angebracht, die es ermöglichen, Informationen in einfacher Sprache abzurufen. Auch die Exponate selbst wurden inklusiv gestaltet. Zum Beispiel sind nachhaltige Innenraummaterialien und Felgen so integriert, dass sie angefasst und ertastet werden können. Bei der Konzeption des Open Space haben wir mit Vertretern der Blinden-Community und der Schwerbehinderten-Vertretung von Volkswagen zusammengearbeitet. Eine tolle Erfahrung, die hoffentlich den Beginn eines branchenweiten Umdenkens und Bewusstseinswandels beschreibt.

BlachReport: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.