Start Meinung Jan Götze: Eventmarkt wächst, aber wartet nicht auf uns

Jan Götze: Eventmarkt wächst, aber wartet nicht auf uns

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Der globale Eventmarkt wächst zweistellig, die deutsche Auslastung sinkt. Wer verstehen will, warum, muss nach Singapur schauen: Dort wird Livekommunikation als strategische Industrie behandelt, hier als Kostenstelle. Ein Reisebericht für den BlachReport von Jan Götze, Creative Director & AI-Innovation Manager, mit unbequemen Zahlen (mehr lesen von Jan Götze).

Juni 2026, Marina Bay, Singapur. Ich bin für eine KI-Konferenz in der Stadt, und auf dem Weg zwischen zwei Sessions bleibe ich an einer Baustelle hängen. Kräne, Bautafeln, Visualisierungen eines Turms mit 55 Stockwerken. Was hier entsteht, ist kein Bürogebäude, sondern die Erweiterung des Marina Bay Sands: eine Arena mit 15.000 Plätzen, 570 Suiten und rund 18.000 Quadratmeter neue MICE-Fläche. Kostenpunkt: schlappe acht Milliarden US-Dollar [1]. Für ein einziges Haus.

Zum Vergleich: Alle deutschen Messeplätze zusammen investieren bis 2030 rund eine Milliarde Euro in Modernisierung und Neubauten [2]. Singapur steckt in ein Gebäude das Achtfache dessen, was das Messeland Nummer eins in seine komplette Infrastruktur steckt. Diese Zahl hat mich auf dem Rückflug beschäftigt. Sie sollte uns alle beschäftigen.

Zwei Kurven, die auseinanderlaufen

Die Richtung stimmt nachdenklich. Singapur meldet für 2025 Rekord-Tourismuseinnahmen von 23,9 Milliarden Singapur-Dollar, angetrieben ausgerechnet vom MICE-Geschäft, denn Kongress- und Messebesucher geben etwa doppelt so viel aus wie Urlauber [3]. Im Business-Ecosystem-Ranking der Beratung jwc führt der Stadtstaat die Weltrangliste an. Deutschland taucht in dieser Liste hinter Frankreich auf [4].

Bei uns zeigen die Kurven derweil nach unten. Die Auslastung der Veranstaltungswirtschaft liegt 7,6 Prozent unter dem Vorjahr, das ifo-Geschäftsklima der Branche steht bei minus 19,2 Punkten [5]. Und die Wirtschaftsflaute erreicht jetzt auch die Messen selbst: Für das messestarke erste Quartal 2026 rechnet der AUMA mit 2,3 Prozent weniger Ausstellern und 4,6 Prozent weniger vermieteter Fläche [6]. Der Weltmarkt wächst zweistellig. Wir schrumpfen. Beides gleichzeitig geht nur, wenn das Wachstum woanders stattfindet.

Was Singapur anders macht

Vor Ort fällt zuerst etwas Unspektakuläres auf: Dort ist Live-Kommunikation Chefsache. Beim Spatenstich für die Marina-Bay-Erweiterung stand der Premierminister persönlich auf der Bühne [1]. Das Singapore Tourism Board behandelt MICE als strategische Industrie mit eigenen Förderprogrammen, Ansiedlungsanreizen und klaren Zielmarken. Genehmigungen, Visa, Logistik: alles darauf optimiert, dass internationale Veranstalter schnell und planbar arbeiten können.

Der zweite Unterschied ist die Haltung zur Infrastruktur. In Singapur ist das Venue Teil des Erlebnisses, Architektur als Argument, warum man hinfliegt. Bei uns gilt eine Messehalle als abgeschriebene Immobilie, die möglichst wenig kosten darf. Der dritte Unterschied: Tempo. Zwischen Ankündigung und Spatenstich der Acht-Milliarden-Erweiterung lagen keine sieben Jahre Raumordnungsverfahren.

Und die Kosten? Sind in Singapur auch hoch, Personal ist knapp, Flächen sind teuer. Der Unterschied liegt darin, was der Standort dafür zurückgibt. Bei uns sind Energie um 80 Prozent, Logistik um 60 Prozent und Löhne um gut 26 Prozent gestiegen [5], während die Rahmenbedingungen gleich blieben. Teuer und langsam ist eine Kombination, die sich kein Standort der Welt lange leisten kann.

Was wir haben, was andere gern hätten

Bevor jetzt jemand den Standort abschreibt: Deutschland bleibt Messeplatz Nummer eins. Zwei Drittel der globalen Leitmessen finden hier statt, 66 Prozent der Aussteller und über ein Drittel der Besucher reisen aus dem Ausland an, und die stärkste Ausstellernation auf deutschen Messen ist ausgerechnet China [7]. Die Welt kommt also weiterhin zu uns. Sie kommt wegen der Branchen, der Einkäufer und der Dichte an Entscheidern, die kein Neubau der Welt kurzfristig kopieren kann.

Genau darin liegt das Risiko. Ein Vorsprung, der auf Gewohnheit beruht, fühlt sich stabil an, bis er es plötzlich nicht mehr ist. Aussteller entscheiden alle zwölf Monate neu, wo ihr Budget die größte Wirkung entfaltet. Wenn ein Standort schneller, günstiger und digital besser integriert liefert, wandert erst das Zweitbudget, dann das Erstbudget.

Drei Dinge, die wir kopieren sollten

Erstens die Haltung: Live-Kommunikation ist Wirtschaftsförderung, keine Kostenstelle. Eine Branche, die 1,13 Millionen Menschen beschäftigt und zu den sechs größten des Landes gehört, verdient denselben politischen Rückenwind wie Chip-Fabriken. Zweitens das Produktdenken: Venues, Genehmigungen und digitale Services aus Sicht des internationalen Veranstalters bauen, der zwischen Singapur, Dubai und Düsseldorf wählt. Drittens das Tempo: Jedes Modernisierungsprojekt, das heute in der Abstimmungsschleife hängt, ist ein Argument für einen Wettbewerber, der schneller baut.

Der Markt wächst, das ist die gute Nachricht. Die unbequeme: Er wartet nicht auf uns. In Singapur eröffnet die Acht-Milliarden-Erweiterung 2029. Bis dahin sollten wir eine Antwort haben, die aus mehr besteht als aus Tradition.

Über den Autor

Jan Götze ist Creative Director und AI-Innovation Manager bei der DO IT! GmbH. Seit 15 Jahren entwickelt er Live- und Markenerlebnisse für internationale Kunden. Daneben gibt er Workshops und Keynotes zum Einsatz von KI in der Live-Kommunikation, unter anderem für Best of Events / Westfalenhallen Dortmund, Cvent, Amex Global Business Travel und DHL sowie für Agenturen wie Insglück, Meplan, Wynken Blynken & Nod und Oval.

Quellen

[1] Las Vegas Sands / Marina Bay Sands: Erweiterungsprojekt „IR2“, Investitionsvolumen rund 8 Mrd. US-Dollar, Spatenstich Juli 2025, geplante Fertigstellung 2029

[2] AUMA, Verband der deutschen Messewirtschaft: Investitionen der deutschen Messeplätze, rund 1 Mrd. Euro bis 2030

[3] Singapore Tourism Board: Tourismuseinnahmen 2025 (Januar bis September), 23,9 Mrd. Singapur-Dollar, plus 6,5 Prozent gegenüber Vorjahr

[4] jwc GmbH: 2025 Global Industry Performance Review, Business Ecosystem Quality Ranking

[5] fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft / Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft: Strukturbericht Veranstaltungswirtschaft I/2026 inkl. RIFEL-Index, Mai 2026

[6] AUMA: Messeprognose für das erste Quartal 2026

[7] AUMA: Messebilanz 2025