Start Meinung UK verzichtet auf langfristige Business-Events-Strategie

UK verzichtet auf langfristige Business-Events-Strategie

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Die britische Regierung liefert derzeit ein Lehrstück darüber, wie sich ein wachsender Wirtschaftszweig politisch kleiner organisieren lässt. Business Events werden nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Die Regierung erkennt ihren Beitrag zu Handel, Investitionen, Innovation und regionaler Entwicklung ausdrücklich an. Gleichzeitig übernimmt sie wesentliche Forderungen des zuständigen Unterhausausschusses nicht.

Es wird keine eigenständige langfristige Business-Events-Strategie geben und vorerst auch keinen National Business Events Council. Die Zuständigkeit bleibt beim Kultur- und Tourismusressort. Verbindliche Ziele für die Teilnahme von Ministern an prioritären Veranstaltungen sind ebenso wenig vorgesehen wie eine branchenspezifische Mehrwertsteuerentlastung. Stattdessen sollen Business Events Teil einer branchenübergreifenden Major Events Strategy werden, deren Veröffentlichung bis Frühjahr 2027 angekündigt ist.

Genau darin liegt der strategische Widerspruch. Die Regierung beschreibt Kongresse, Fachmessen und andere Business Events als Instrumente der Industriepolitik, organisiert sie aber weiterhin im allgemeinen Event- und Tourismusrahmen. Begründet wird das mit Gemeinsamkeiten zu Sport-, Kultur- und Musikveranstaltungen. Gleichzeitig erkennt die Regierung ausdrücklich den besonderen Beitrag von Business Events zu Handel, Investitionen und Innovation an.

Der Umbau erfolgt nicht in einer Krise. Nach den von der Regierung zitierten Branchendaten erzeugten Konferenzen und Meetings 2025 direkte Ausgaben von 22,5 Milliarden Pfund. 2024 waren es 19,3 Milliarden Pfund. Die ebenfalls häufig genannte Summe von 33,6 Milliarden Pfund basiert auf einer breiteren Abgrenzung des Veranstaltungsmarktes und ist deshalb nicht unmittelbar vergleichbar. Das zeigt nicht nur die wirtschaftliche Größenordnung, sondern auch das Problem unterschiedlicher Definitionen.

Gleichzeitig verändert sich die Förderstruktur. Die bisherige UK-weite Koordination wird zurückgefahren und stärker regionalisiert. MeetEngland konzentriert sich auf England, während Schottland und Wales eigene Strukturen besitzen. Besonders relevant ist dabei das Ende des Business Events Growth Programme. Für 2026/27 und darüber hinaus sind keine neuen Förderrunden vorgesehen.

Zwischen 2018 und 2024 wurden 91 Veranstaltungen in 18 Städten unterstützt. VisitBritain beziffert den direkten wirtschaftlichen Ertrag auf 60,6 Millionen Pfund und errechnet einen Rückfluss von rund 35 Pfund je eingesetztem Pfund. Das ist kein unabhängiger Wirkungsnachweis. Offen bleibt insbesondere, welche Veranstaltungen auch ohne Förderung nach Großbritannien gekommen wären. Die Größenordnung zeigt aber, dass vergleichsweise begrenzte Mittel bei internationalen Standortentscheidungen eine Rolle spielen können.

Für Deutschland ist diese Entwicklung kein Umbruch im internationalen Kongressmarkt, aber ein relevanter Referenzfall. Mit GCB, der vom Bund geförderten Deutschen Zentrale für Tourismus, EVVC und Meeting- und EventBarometer besitzt der deutsche Markt jene nationale Infrastruktur, die Großbritannien derzeit schwächt. Das ist zunächst nur ein struktureller Vorteil. Entscheidend ist, ob daraus konkrete Unterstützung bei internationalen Bewerbungen entsteht.

Denn Kongresse werden nicht allein mit Hallen, Hotelbetten und Flugverbindungen gewonnen. Erfolgreiche Bids benötigen häufig Anschubfinanzierung, politische Unterstützung, wissenschaftliche Botschafter und den Zugang zu leistungsfähigen Branchenclustern. Gerade an der Schnittstelle von Tourismus-, Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik stellt sich deshalb auch in Deutschland die Frage, wer bei strategisch wichtigen Bewerbungen die Gesamtverantwortung übernimmt.

London, Edinburgh, Manchester und britische Universitätsstädte werden starke Wettbewerber bleiben. Wenn jedoch nationale Vermarktung, Fördermittel und politische Rückendeckung schwächer werden, verändert das die Voraussetzungen einzelner Bewerbungen. Deutsche Destinationen können daraus Chancen ableiten – besonders dort, wo Kongressinfrastruktur mit Kompetenzen etwa in Medizin, Mobilität, Energie oder Digitalisierung verbunden werden kann.

Die britische Regionalisierung enthält allerdings auch eine Warnung. Große Städte können eigene Mittel mobilisieren und internationale Akquisition betreiben. Kleinere Wissenschaftsstandorte geraten trotz fachlicher Kompetenz leichter ins Hintertreffen. Dieses Risiko ist auch dem deutschen Markt nicht fremd.

Die Antwort darauf muss keine vollständige Zentralisierung sein. Naheliegender wäre eine gemeinsame Akquisitionsarchitektur von Bund, Ländern und Destinationen: mit einem transparenten Bid-Fund, politischer Unterstützung für strategisch relevante Bewerbungen und einer systematischen Auswertung gewonnener wie verlorener Kongresse.

Die britische Entwicklung macht vor allem eines deutlich: Politische Anerkennung ersetzt kein Budget. Deutschland besitzt Strukturen, mit denen sich die veränderte britische Aufstellung im internationalen Wettbewerb nutzen lässt. Ob daraus tatsächlich zusätzliche Kongresse entstehen, entscheidet sich aber dort, wo Veranstalter nicht nur gute Argumente, sondern konkrete und verbindliche Unterstützung erwarten.

Herzlichst
Peter Blach