Start Business Eindrücke: Heidrun Scholten von GPJ über South by Southwest

Eindrücke: Heidrun Scholten von GPJ über South by Southwest

1086

Heidrun Scholten, Senior Director Strategy & Marketing bei George P. Johnson (GPJ), hat das South by Southwest Festival in Austin/Texas (SXSW) besucht und ihre Eindrücke für den BlachReport zusammengefasst.

Nach dem zweiten Besuch kann ich diesen Event nun besser greifen – er ist chaotisch, aber auch professionell. Er ist international – aber doch irgendwie provinziell. Er spricht über die wichtigen Themen der Welt – und lässt sie dann abends bei der Party doch vergessen.

Es kommen Pioniere und Vordenker aus der ganzen Welt zum SXSW, die hier die aktuellsten Themen und Trends diskutieren. Wichtigste Themen 2024 waren wie erwartet Artificial Intelligence, Spatial Computing und ein Blick auf den tiefgreifenden Wandel der Wirtschaft und Gesellschaft, der uns durch AI bevorstehen wird.

Aber wie kommt diese „Faszination SXSW“ zustande? Warum hat er so viele Fans auf der ganzen Welt? Was macht diese Veranstaltung anders als andere Events und kann dies auch auf andere Städte und Erdteile übertragen werden?

Heidrun Scholten, Senior Director Strategy & Marketing bei George P. Johnson

Austin

Die Stadt an sich ist schon ein Unikum. Das merkt man bereits, wenn man am Flughafen ankommt. Alles ist klein, persönlich und sehr freundlich. Auch die Immigration ist entspannter als in manch anderen Städten der USA.

In der Stadt angekommen, kann man sich nicht so recht entscheiden, ob sie nun groß oder klein ist. Es gibt zwar Hochhäuser, aber Downtown ist doch sehr übersichtlich mit den älteren, gemütlichen Häusern, in denen es entweder ein Restaurant oder eine Musik-Bar gibt.

Mix aus verschiedenen Festivals

Die besondere Atmosphäre kommt aber auch daher, dass SXSW langsam gewachsen ist – und das ganz ohne Werbung, sondern nur über seine Community. Und dass der Ursprung in einem Musik-Festival liegt. Nun sind es drei Festivals, die nacheinander und zum Teil auch parallel ablaufen: Tech, Film und Musik. Eine Mischung des Publikums, das zwar unterschiedlich ist, aber sich doch so gut ergänzt und gerne austauscht.

Verschiedene Formate und Sprecher – und davon ganz viele

Angefangen von den ganz großen Formaten und Namen – in diesem Jahr zum Beispiel Meghan, Dutchess of Sussex (in Begleitung von Prinz Harry), Selena Gomez, Peter Deng von ChatGPT und der jährliche Höhepunkt der Futuristin Amy Webb bis hin zu Workshops, Meet-ups, Side Events, Coachings, Brand Houses, privat organisierten Treffen und Networking Events. Die Auswahl ist riesig und man fühlt schnell großes FOMO – wobei Hugh Forrest von SXSW dies in seiner Eröffnungsrede umformuliert hat. Man sollte es nicht als FOMO (Fear of Missing Out) erachten, sondern letztendlich ist es doch eher JOMO (Joy of Missing Out).

Bei der Organisation vor dem Event und vor Ort hilft auf jeden Fall die App. Diese ist sehr gut und übersichtlich gemacht. Man kann sich dort sein individuelles Programm anfertigen, SXXpress Passes ordern (analog zu Disneyland’s Fastpasses – sind aber leider immer sehr schnell vergriffen), ersehen, ob die Session bereits voll ist (mit einem grün – gelb – rot System), sich mit anderen Teilnehmern connecten oder auch Notes direkt bei den entsprechenden Vorträgen machen.

Dieses Jahr gab es auch eine Beta-Version eines AI basierten Vorschlagssystems für seine persönliche Agenda. Leider war diese bisher nur einem sehr kleinen Publikum zugänglich. Falls das nächstes Jahr zum Laufen kommt, wird es die Organisation des Events auf jeden Fall erleichtern.

Ein riesiger Vorteil ist auch, dass man jeden Morgen um sieben Uhr einen Überblick zum Tag bekommt und dort nochmal die Highlights und besonderen Aktivitäten wie Partys, Workshops oder auch geöffnete Brand Houses angezeigt bekommt.

Brand Houses

Apropos Brand Houses – hier gibt es jedoch Verbesserungsbedarf. Es ist leider oftmals nicht erkenntlich, welche Brand Houses es letztendlich gibt und wann diese geöffnet haben. Manche gibt es nur an zwei Tagen, und sie sind dann wieder weg. Aber die Idee und das Potential der Brand Houses ist immens. Brand Houses haben ihren Ursprung auf der SXSW, und man kann sie jetzt auch verstärkt auf anderen Events wiederfinden. Es ist ein Takeover von Unternehmen von einem kompletten oder Teil eines Hauses mit manchmal sehr professionellem und manchmal doch eher handgemachtem Branding. Es ist aber eine gute Gelegenheit, sich vor dem Fachpublikum (Ticket für die SXSW kosten rund 1.000 € plus) und auch vor einem größeren Publikum (man kommt auch meist ohne SXSW Badge in die Häuser) zu präsentieren. Awareness at its best!

Community

Der Community Gedanke ist bei der SXSW extrem wichtig. Es gibt wenige Events mit solch einer großen „Fan-Base“. Das zeigt sich zum Beispiel schon an der Größe und Auswahl der Merchandise Shops und auch den entsprechenden Schlangen davor. Viel davon ist auch gleich zu Anfang schon vergriffen, hier muss man also schnell sein.

SXSW „menschelt“ auch sehr. Ein Großteil der Mitarbeiter sind sichtbar und ansprechbar und unsere Gruppen hatten sogar einen eigenen EMEA-Repräsentanten, der sowohl beim Vortreffen als auch vor Ort bei den Treffen der Gruppen mit dabei war. SXSW ist auch extrem weltoffen mit einem starken Blick auf Diversity und Shared Humanity und dem Anspruch, sich immer weiter zu verbessern.

Viele Besucher reisen auch in Gruppen oder Delegationen an. Ich hatte das Glück, Anschluss bei internationalen George P. Johnson Kollegen, Baden-Württemberg International und den Creators von Drees & Sommer zu finden. Auch die Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg war in diesem Jahr mit einer Delegation vor Ort, was auch zeigt, dass dies nicht nur ein „Festival“ ist, sondern auch wirtschaftliche Interessen dort eine große Rolle spielen. Von den ausländischen Gruppen stammt die größte Gruppe auch in diesem Jahr wieder aus Brasilien.

SXSW Baden-Württemberg Reception

Content

Selten gibt es auf Konferenzen solch ein breites Spektrum an Content. Es gibt verschiedene Themenblöcke wie z.B. 2050, Advertising & Brand Experience, Artificial Intelligence, Climate Change und Tech Industry.

Auch wenn man einen Vortrag besucht, der einen erst mal gar nicht so interessiert (man ist aber mit jemandem mitgegangen, den man zufällig getroffen hat), wird man nicht enttäuscht. Der Event ist sehr gut kuratiert und man kann Top Notch Themen wie auch interessante Nischenthemen dort finden. Auch die Auswahl der Sprecher ist exzellent. Und auch wenn man erstmal denkt, dass man eigentlich keinen kennt, stellt sich später heraus, dass man zwar den Namen nicht kannte, aber dafür die Erfindung, die Firma, deren Einfluss.

Wichtigster Talk ist immer der neueste „Tech Trends Report“ der Zukunftsforscherin Amy Webb, die dieses Jahr prognostiziert, dass in Wirtschaft und Gesellschaft durch Artificial Intelligence ein tiefgreifender Wandel bevorsteht. Durch AI werden wir in Zukunft anders mit Computern umgehen, da sich die Interaktion zukünftig direkt auf Menschen statt auf Geräte konzentrieren wird.

Serendipity

Bei keiner Veranstaltung lässt man sich so von Zufälligkeiten treiben wie bei der SXSW. Man macht zwar einen Plan für den Tag, dieser wird aber spätestens dann über den Haufen geworfen, wenn man mal wieder zufällig jemanden trifft, der etwas anderes Spannendes vorhat – was unglaublich oft passiert. Man lässt sich dann auch gerne überzeugen, dass ein anderes Thema, Sprecher oder Bereich doch noch interessanter ist und hört und erlebt dann Dinge, die man so eigentlich gar nicht auf dem Plan hatte.

Aber bei der SXSW ist es dann auch ein wenig wie bei Austin. Es scheint zwar alles recht organisiert, es ist dann aber doch recht locker und dann auch wieder unorganisiert. Manche Sessions werden sehr kurzfristig organisiert – sind dann dafür aber sehr aktuell, Brand Houses werden nur unvollständig kommuniziert und manchmal gibt es dann auch recht lange Schlangen. Bei denen man aber sehr nett von den unzähligen Volunteers und anderen Teilnehmern unterhalten wird.

Zurück zur ursprünglichen Frage: Kann das Konzept SXSW kopiert werden?

Ich denke nicht so, wie sie jetzt in Austin besteht. Denn genau die Mischung aus gewachsener Community, Management des Events und der Stadt Austin macht diese besondere Stimmung und den Hype um den Event aus. Man kann Teile davon übernehmen, aber in der Mischung wird es wohl nur dort so sein.

Es gibt auch hierzulande schon einige Beispiele wie die Digital X in Köln. Hier liegt der Hauptfokus auch auf einer Konferenz mit aktuellen Tech Themen. In der Innenstadt von Köln gibt es noch weitere Bühnen und Brand Houses. Ein sehr guter Ansatz, der aber im Gegensatz zu der SXSW nicht Community-, sondern Business-getrieben ist (Veranstalter Telekom) und schon deshalb ein anderes Publikum und einen anderen Fokus hat. Köln ist in Deutschland auch ein passender Ort dafür, aber im Vergleich zu Austin wird dies dort vor Ort (noch) nicht so gelebt.

Ein anderes Beispiel ist die IAA. Seit sie in München stattfindet gibt es einen offiziellen Teil im Bereich der Messe für Fachbesucher, die Ausstellungsbereiche in der Innenstadt sind aber für alle Besucher offen. Hierbei vermischen sich dann Fachpublikum mit einem breiten Publikum, wodurch sich die Veranstaltung zu einem bunten, diversen Event weiterentwickelt hat.

Was ich aus Austin in diesem Jahr konkret mitnehme?

Zum einen viele spannende neue Kontakte und Einblicke in Bereiche, die ich bisher noch nicht hatte. Die Erfahrung, dass wenn ein diverses, offenen Publikum zusammenkommt, viel Gutes und Neues entsteht und sich daraus viel entwickeln kann. Und das Wichtigste – den absoluten Vorsatz, mich intensiv mit AI auseinanderzusetzen. Für mich selbst, aber auch um meinen Kindern einen Weg in eine spannende und sich stark veränderte Zukunft weisen zu können.

“We do not know what the future’s gonna hold, but I encourage everyone to stay curious! Go out and try it and share these ideas and see what AI can do” (Peter Deng, VP at OpenAI @ SXSW 2024)