Start Business Jenseits des World Economic Forum: das „zweite Davos“

Jenseits des World Economic Forum: das „zweite Davos“

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Davos im Januar: Für eine Woche wird der kleine Ort in den Schweizer Alpen zum globalen Knotenpunkt. Beim Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) kommen rund 3.000 Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Wissenschaftler, Vertreter der Zivilgesellschaft und Medien zusammen. Die Teilnahme am Forum ist ausschließlich Mitgliedern vorbehalten, die zusätzlich etwa 25.000 € für den Eintritt zahlen. Nur Regierungsvertreter, ausgewählte Experten, Nichtregierungsorganisationen und Medien können oft ohne direkte Teilnahmegebühr teilnehmen, allerdings nur auf Einladung. Heidrun Scholten von George P. Johnson war dabei und schildert exklusiv ihre Eindrücke.

Heidrun Scholten in Davos

Doch das eigentliche Davos ist größer.

Denn parallel zum offiziellen Programm im streng abgeschirmten Congress Center entfaltet sich ein zweites, weitgehend unsichtbares Davos: ein lebendiges, vielschichtiges Ökosystem aus hunderten Side-Events, Pop-ups, Brand Houses, Panels, Empfängen, Dinners, Workshops und Partys mit bis zu 20.000 Besuchern. Dezentral organisiert, oft nur auf Einladung zugänglich, selten zentral erfasst – und doch der Ort, an dem viele der wirklich spannenden Gespräche stattfinden.

Die Stadt als Bühne

Während drinnen im Kongresszentrum über geopolitische Machtverschiebungen, Klimaziele und die Zukunft der Arbeit debattiert wird, verwandelt sich draußen die Davoser Promenade in eine Bühne der globalen Ideenökonomie. Restaurants werden zu Brand Houses, Boutiquen zu Innovationshubs, Hotels zu temporären Think Tanks. Für die fünf Tage des World Economic Forums werden viele dieser Orte vollständig umgebaut – Innenräume neu inszeniert, Fassaden gebrandet, Technik, Bühnen und Meetingräume installiert. Ganze Häuser tragen plötzlich die Namen von Tech-Konzernen, Staaten, Medienhäusern oder Wirtschaftsverbänden. In sogenannten Brand Houses präsentieren Organisationen ihre Botschaften, Technologien und Visionen: als kuratierte Erlebnisräume, die zugleich Showroom, Debattenplattform und Netzwerkzentrum sind.

Hier trifft man sich auf einen Kaffee zwischen zwei Panels, diskutiert beim Lunch über KI-Regulierung oder verhandelt beim Dinner über neue Partnerschaften. Die Teilnehmenden kommen aus allen Teilen der Welt und bringen eine erstaunliche Vielfalt an Perspektiven, Erfahrungen und Hintergründen ein. Der typische Gruß unter den Teilnehmern lautet nicht selten: „how’s your Davos?“ Die Standardantwort: „very busy.“

Ein Ökosystem ohne Zentrale

Nach Recherchen und Veranstaltungskalendern kommen während der WEF-Woche bis zu 1.000 einzelne Events zusammen – zeitlich und räumlich parallel zum offiziellen Forum. Eine exakte Zahl gibt es nicht, denn dieses Ökosystem ist nicht zentral organisiert. Es entsteht jedes Jahr neu, organisch, dynamisch, international und multikulturell.

Das Publikum ist so divers wie die Themen: Fortune 500 CEOs treffen auf Start-up Gründer, Aktivisten auf Investoren, Minister auf junge Entrepreneure. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Branchen und Erfahrungswelten diskutieren miteinander, manchmal lebhaft, manchmal konservativ. Aber vor allem eins: neugierig, vernetzt, offen.

Begegnungen entstehen, weil alle relevanten Akteure gleichzeitig vor Ort sind. Politische Entscheidungsträger, Wirtschaft, Kapitalmarkt, NGOs und Wissenschaft nutzen die Gelegenheit, Partnerschaften auszuloten, Kunden zu treffen oder neue Perspektiven kennenzulernen.

Viele Veranstaltungen sind nur mit Anmeldung oder Einladung zugänglich, manche sind öffentlich, viele bewusst exklusiv. Und doch verbindet sie eines: Sie machen Davos in dieser Woche zu einem globalen Marktplatz für Ideen, Beziehungen und Zukunftsprojekte.

Ein erstaunlich egalitärer Ort

Trotz seines elitären Rufs ist Davos in diesen Tagen erstaunlich egalitär. Alle durchlaufen dieselben Sicherheitskontrollen, alle laufen durch dieselben verschneiten Straßen. Niemand weiß, ob die Person neben einem in der Schlange gerade ein Unternehmen führt, ein Unicorn aufgebaut hat oder an der nächsten großen Technologie arbeitet.

Side-Events

Inhaltlich spiegeln die Side-Events die großen Linien des offiziellen WEF wider – und gehen oft noch einen Schritt weiter. Künstliche Intelligenz war das dominierende Thema: von der Transformation ganzer Industrien über neue Arbeitsmodelle bis hin zu Fragen von Ethik, Regulierung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Daneben stehen Wirtschaftstrends, Nachhaltigkeit, Energie, neue Mobilität, Health Tech, Finanzsysteme, geopolitische Resilienz und der Umbau unserer Gesellschaften im Fokus. Die Gespräche sind oft offener, persönlicher, experimenteller als in den großen offiziellen Sessions.

Eigentlich ein Hotel, aber beim World Economic Forum das DP World House

Wer sich wirklich um eine Einladung bemüht, kann auch an den geschlossenen Veranstaltungen teilnehmen, ohne dafür zu bezahlen. Davos ist also weniger ein geschlossener Kreis als ein vorübergehender, offener Ort für Ideen, Begegnungen und Anregungen. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Weltpolitik und Dorfleben, aus Glanz und Alltag, aus Macht und Menschlichkeit, die Davos so besonders macht.

Eine Auswahl der Events, die ich bereits selbst besucht habe:

  • Das Open Forum des World Economic Forums

Für die Teilnahme ist eine offizielle Registrierung beim WEF erforderlich. Die Veranstaltungen sind kostenfrei und finden nicht im Congress Center, sondern direkt im „zweiten Davos“ statt. Themen sind Klimaschutz, nachhaltige Wirtschaft, Innovation, KI, Bildung und globale Gesundheit. Panel Sessions geben Einblicke in aktuelle Herausforderungen, während das Open Forum Raum für Fragen, Austausch und aktive Diskussion bietet

  • Side-Events von Wirtschafts- und Branchenverbänden

„Imagination in Action“ in Davos ist eine globale AI‑Summit‑Veranstaltungsreihe, die führende Köpfe aus Technologie, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenbringt, um über die Zukunft der künstlichen Intelligenz zu diskutieren und neue Wege für ihre realweltliche Anwendung zu entwickeln. Einer der Spreche war beispielsweise einer der bekanntesten KI-Pioniere, Andrew Ng, Gründer von Deep Learning.AI.

  • Panels und Podiumsdiskussionen von Corporate Hosts

Viele Unternehmen richten eigene Lounges oder Hubs ein, die als Treffpunkte dienen. Beispiel: Die „FQ Lounge“ von The Female Quotient, einer Organisation zur Förderung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft, mit Meetings, Mini-Panels und einem großen Networking Bereich. Als Corporate Host veranstaltet beispielsweise Deloitte ähnliche Sessions, um Wissen zu teilen und Kontakte zu knüpfen

  • Networking-Treffen, Empfänge und Themen-Dinners

Viele dieser Veranstaltungen sind exklusiv und nur auf Einladung zugänglich. Sie bieten eine Plattform für den direkten Austausch zwischen Führungspersönlichkeiten, Entscheidungsträgern und Expert:innen. Ein bekanntes Beispiel ist der „Swedish Lunch“, ein exklusives Treffen hochrangiger Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, das gezielt Vernetzung und Diskussion zu aktuellen Themen ermöglicht

  • Medien-moderierte Sessions und Briefings

    Session mit Nigel Farage bei Bloomberg

Renommierte Medienhäuser wie „The Wall Street Journal“ oder „Bloomberg“ organisieren kleine Roundtables, zu denen Sprecher aus Politik und Wirtschaft eingeladen werden. Zu den sehr intimen und fokussierten Sessions waren bei Bloomberg Redner wie Al Gore (ehemaliger Vice President USA) dabei.

  • Thematische Veranstaltungen zu KI, Klima, Innovation, Finanzen, Gesundheit oder Energie

Ein zentraler Anlaufpunkt ist das „Axios House“, ein Netzwerk- und Begegnungsort für Fachleute, Unternehmer und Entscheider, der Austausch, Inspiration und Diskussion zu aktuellen wirtschaftlichen und technologischen Themen fördert. Die Sessions hosten bekannte Persönlichkeiten aus der Wirtschaft und bieten Einblicke in aktuelle Trends, Technologien und Lösungsansätze zu den drängendsten globalen Themen. Einer der Sprecher in diesem Jahr war zum Beispiel Matt Damon, Schauspieler und Co-Founder von Water.org.

  • Firmen- und Länder-Hubs sowie Pop-ups entlang der Promenade

Hier präsentieren sich globale Unternehmen und Staaten mit eigenen Pavillons, zum Beispiel der Firmen-Pavillon von DP World (Gold Gewinner beim BrandEx Award) in einem aufwändig umgebauten Restaurant oder das US-House in einer Kirche.

US-House in Davos
  • Informelle After-Work-Events und private Partys

Über die ganze Stadt verteilt entstehen unzählige geplante oder spontane Veranstaltungen, die zum Networking, Austausch und entspannten Kennenlernen einladen.

Auffällig war in diesem Jahr, dass die Brand Houses viel weniger zugänglich als im letzten Jahr waren. Ein Großteil der Häuser war konsequent ‚by invitation only‘, frei zugängliche Formate entlang der Promenade blieben die Ausnahme. Zugang erhielten vor allem kuratierte Zielgruppen, registrierte Stakeholder und geladene Gäste.

Diese Entwicklung deutet auf eine zunehmende Professionalisierung des zweiten Davos hin: Begegnungen werden gezielt gesteuert, verdichtet und in klar definierte Gesprächsräume verlagert.

Übernachten in Davos – die Downside

Direkt in Davos zu übernachten, ist teuer und begrenzt: Die Hotels sind rar, die Zimmer schnell ausgebucht. Viele Teilnehmer reisen deshalb aus den umliegenden Dörfern oder sogar aus Zürich an. Auch das ist überraschend – wer nächstes Jahr teilnehmen möchte, ist dafür jetzt schon praktisch zu spät, denn die meisten Unterkünfte sind bereits vergeben.

Das wahre Kapital: Begegnungen

Was Davos in dieser Woche wirklich auszeichnet, ist nicht nur die Dichte an Prominenz, sondern die Dichte an Möglichkeiten. Kaum ein anderer Ort bringt so viele Entscheidungsträger, Visionäre und Gestalter auf so engem Raum zusammen. Gespräche entstehen beiläufig, Kooperationen beim Kaffee, Ideen beim Spaziergang.

Für Unternehmen ist eine Präsenz vor Ort längst mehr als nur Imagepflege. Brand Houses, Pavillons und Pop-ups werden zu Erlebnisräumen, Dialogplattformen, Bühnen für Haltung und Innovation. Wer hier sichtbar ist, positioniert sich als Teil der Lösung – nicht nur als Beobachter des Wandels.

Das „zweite Davos“ wird immer wichtiger

Das World Economic Forum ist der offizielle Anlass. Aber das „zweite Davos“ ist ein Netzwerk aus Begegnungen, Ideen und Initiativen, das weit über das Kongresszentrum hinausreicht.

Ein temporäres globales Ökosystem, das jedes Jahr neu entsteht.

Vielleicht ist genau das das wahre Geheimnis von Davos – und gerade deshalb wird es in den nächsten Jahren noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Immer mehr Teilnehmer werden die Side Events besuchen, das bisher unsichtbare Davos wird bekannter.

Meine Prognose: Das „zweite Davos“ wird weiter wachsen und an Bedeutung gewinnen – wer relevant bleiben will, muss Präsenz zeigen und aktiv am Austausch teilnehmen.

Text und Fotos: Heidrun Scholten, Senior Director Strategy & Marketing bei George P. Johnson, besuchte Davos in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal. Letztes Jahr war sie vor Ort für das DP World Brand House, das mit dem BrandEx Award in Gold ausgezeichnet wurde. Dieses Jahr lag ihr Fokus auf dem Besuch verschiedener Events, Brand Houses und Veranstaltungen, um das „zweite Davos“ zu erkunden und einem breiteren Publikum näherzubringen.